Kapitel 1

Die Vorboten des Tages Jahwes, oder das Gericht der Heuschrecken

Während die Prophezeiung Hoseas gänzlich mit den Umstän­den der Regierungen der Könige von Israel und Juda verbunden ist, die der Prophet miterlebt hat und auch oft erwähnt, ist die Prophezeiung Joels vollständig unabhängig von allen historischen Vorgängen. Ein gedenkenswertes Naturereignis nur, das über das Land Juda niederging, geschah vor den Augen des Propheten. Joel betrachtet es als ein Gericht über sein Volk, aber ebenso als feierliche Ermahnung zur Buße. Das 24. Kapitel im Propheten Jesaja hat viel Gleichartiges mit diesem ersten Kapitel. In beiden Fällen handelt es sich um die Verwüstung des Landes und um die Vernichtung seiner Blüte, wegen der Sünde seiner Bewohner. Das­selbe gilt zu allen Zeiten von allen Unglücksfällen, Naturereig­nissen, die über die Welt kommen: Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmungen, Verwüstungen durch pflanzliche oder tieri­sche Schmarotzer, Orkane, Epidemien usw. und wie oft und in welcher Stärke sind sie in den letzten Jahren in immer kürzerer Reihenfolge aufgetreten. Durch diese Plagen wirkt Gott, um die Gewissen der Menschen zu erreichen; wenn sie nicht hören wol­len, greift Er mit noch schrecklicheren Gerichten ein, wovon wir ein Beispiel im zweiten Kapitel unseres Propheten haben. Gott hat zuerst durch diese Mittel zu Seinem irdischen Bundesvolk geredet, dann zur Kirche, dann zur Welt, und wenn die Menschen nicht darauf hören und zu Ihm umkehren, werden sie selber durch ihren Unglauben ihr endgültiges Gericht besiegeln. Es ist sehr wichtig, die Augen über den Zweck dieser Schläge der Vorsehung offen zu halten. Wenn Juda und Jerusalem Buße getan hätten bei dem Überfall der Heuschrecken, dann hätte Gott nicht nötig gehabt, auch noch den Feind in ihre Grenzen zu schicken. Ebenso, wenn die christlichen Nationen auf die Mahnungen Gottes gehört hätten, die Gott durch die Erschütterungen der letzten Jahre, die ein nie zuvor gesehenes Maß erreichten, dann hätte sich vielleicht "Sein Zorn abgewendet und sich Seine Hand nicht ausge­streckt". Stattdessen aber hat die Welt inmitten all der vielen Katastrophen im Unglauben verharrt und sich geweigert, darin Gottes Hand zu sehen; darum müssen wir jetzt [1] Einbrüche der Feinde, Kriege, Metzeleien erleben, die leider nur das Vor­spiel sind von jenen Tagen, wo die Menschen zu den Bergen und Felsen sagen werden: "Fallt auf uns!" (Offb. 6, 16).

Das Verhängnis, von dem das erste Kapitel spricht, besteht in aufeinanderfolgenden Einfällen etwas, das selbst in einem Land, dem sonst Heuschrecken-Plagen wohlbekannt waren, unerhört erschien. Was der Nager übriggelassen hatte, fraß die Heu­schrecke; und was die Heuschrecke übergelassen hatte, fraß der Abfresser; und was der Abfresser übriggelassen hatte, fraß der Vertilger" (Vers 4) [2] .

In früherer Zeit hatte Gott die Heuschrecken (Arbeh), eine der ägyptischen Plagen, über das Land des Pharao gesandt, weil die­ser König "sich weigerte, sich vor Gott zu demütigen" (2. Mose 10, 34). Mose hatte ihm gesagt: "Du wirst sehen, was deine Väter nicht gesehen haben, noch deiner Väter Väter, von dem Tag an, da sie auf Erden waren, bis auf diesen Tag" (2. Mose 10, 56). Hier sendet sie Gott mit fast denselben Worten über das Land Juda, das Er damit sozusagen mit Ägypten eins macht, aus dem Er einst Sein Volk herausgeführt hatte. "Ist solches in eueren Tagen geschehen, oder in den Tagen eurer Väter? Er­zählet davon euren Kindern, und eure Kinder ihren Kindern, und ihre Kinder dem folgenden Geschlecht" (Vers 23). Diese Plage hier war noch außergewöhnlicher als diejenige Ägyptens, indem Armeen von Heuschrecken verschiedener Arten Jahr um Jahr über das Land herfielen. Von den neun verschiedenen Arten Heu­schrecken, die im Wort Gottes erwähnt sind, finden wir hier deren vier, und zwar die allerschlimmsten von ihnen. Sie bedeuten daher ein ganz besonderes, schreckliches Gericht über Israel, und unmissverständlich nicht bloß eine gelegentliche, gewöhnliche Plage. Doch lasst uns wohl beachten, dass dieses Gericht die Möglichkeit zur Buße nicht ausschloss, gemäss dem Wort Jahwes zu Salomo: "Wenn ich den Himmel verschließe, und kein Regen sein wird, und wenn ich der Heuschrecke (Chagab) gebiete, das Land abzufressen ... und Mein Volk, das nach Meinem Na­men genannt wird, demütigt sich, und sie beten und suchen Mein Angesicht und kehren um von ihren bösen Wegen; so werde Ich vom Himmel her hören und ihre Sünden vergeben und ihr Land heilen" (2. Chron. 7, 1314). Ist nun diese Buße im vorliegenden Fall erfolgt? Amos, der Prophet Israels, hat die Nutzlosigkeit aller Vorsehungsgerichte in bezug auf die zehn Stämme festgestellt: "Eine große Zahl eurer Gärten und eurer Weinberge, und eurer Feigen- und eurer Olivenbäume fraß die Heuschrecke (Gazam). Dennoch seid ihr nicht bis zu Mir umgekehrt, spricht Jahwe" (Amos 4, 9). Und dieses schmerzliche Urteil wiederholt sich in Amos von Vers zu Vers, bei jedem neuen Unglück. Dann "bildete Jahwe Heuschrecken (Gob) im Anfang des Spätgraswuchses; und siehe, es war das Spätgras nach dem Königsmähen. Und es ge­schah, als sie das Kraut der Erde ganz abgefressen hatten, da sprach ich: Herr, Jahwe, vergib doch!" Jahwe antwortete in Gnaden: "Es soll nicht geschehen" (Amos 7, 13). Man sieht hier, wie der Mann Gottes, er allein, die völlige Vernichtung des Volkes aufhält. Ebenso wird die Zukunft Israels von einem ein­zigen Mann abhängen: Christus, der im Propheten Amos vorge­bildet ist. Es wird nichts weniger bedürfen, als die Gnade Gottes, aber wie wir im Propheten Joel sehen nicht ohne dass diese Gnade im Herzen des Volkes die Buße hervorbringt. Beim Pha­rao Ägyptens ging es anders zu: der Wind von Osten hatte die Heuschrecken gebracht, und auf die Fürbitte Moses nahm sie der Westwind weg und warf sie ins Rote Meer. Aber die Demütigung des verhärteten Königs war nur äußerlich und hatte keine Wurzel in seinem Herzen. Obwohl er sagte: "Ich habe gesündigt gegen Jahwe, euern Gott, und gegen euch! Und nun vergib doch meine Sünde nur dieses Mal", war er doch entschlossen, die Kinder Is­rael nicht ziehen zu lassen (2. Mose 10, 1220). Ist es aber nicht beachtenswert, dass selbst in diesem Fall schon eine einzige, zwar nur äußerliche und oberflächliche Regung zur Buße, wenigstens für den Augenblick, die Hand Jahwes aufhält? Er kennt den Herzenszustand Pharaos wohl und Ihm vermögen auch die ge­heimsten Regungen nicht zu entgehen; dennoch ist Er ein Gott der Geduld und der Gnade, der gern die geringste Neigung des Sünders zum Guten anerkennt, um ihm den Zugang zu einer wahrhaften und aufrichtigen Buße zu öffnen. Die vielfältigen Wege Gottes mit Seinem Volk zielen alle dahin, dieses Resultat in aller Gewissen hervorzubringen, um sie segnen zu können. Da­her kommt der oft unerbittlich scheinende Charakter Seiner Ge­richte.

Schon das erste Wort des Propheten enthält diesen Aufruf an das Gewissen: "Hört!" (Vers 2), ebenso das zweite: "Wacht auf !" (Vers 5). Es ist Gott, der hier redet; da hat jeder, der Ohren hat, zu hören, aufzuhorchen. Wenn Verhängnisse über die Welt kommen, sollten die Seelen den Ruf Gottes erkennen, und die, die in der Finsternis schlafen, sollten aufwachen (1. Thess. 5, 6. 7). Dann ist es unmöglich, dass selbst die Verhärtetsten nicht schreien und die Schärfe der Pein nicht fühlen: "Heult", sagt der Prophet, "alle, ihr Weinsäufer!" "Heulet, ihr Winzer!" "Heult, ihr Diener des Altars!" (Verse 5. 11. 13).

Aber selbst das größte Schmerzgeschrei ist noch lange keine Buße. Um diese hervorzubringen, sendet Gott noch eine andere Ursache zur Betrübnis, worauf der Prophet Nachdruck legt, einen viel größeren Verlust als den der Ernten, ein Verlust, der das Gewissen des Volkes bis ins Innerste treffen soll. Diese Ursache zur Betrübnis ist, dass es Jahwe verloren hat und Ihm nicht mehr nahen kann. "Wehklage", sagt der Prophet, "wie eine Jungfrau, die mit Sacktuch umgürtet ist wegen des Gatten ihrer Jugend!" (Vers 8). Armes Volk! Beweine deinen Gatten; Jahwe ist für dich tot, du wirst Ihn nicht sehen! Es gibt kein Mittel, um das Speisopfer (siehe 3. Mose) und das Trankopfer im Haus Gottes darzubringen; denn das Getreide und die Weinrebe sind ver­zehrt, die Obstbäume ohne Frucht, der Feigenbaum zernagt bis auf die Rinde, der ganze Ertrag der Felder verloren (Verse 9. 13. 16). Kann man denn zu Jahwe mit leeren Händen kommen, ohne Ihm den schuldigen Tribut zu bringen? Ein Priestertum, das nichts darzubringen hat, ist nutzlos. Gott verbirgt Sein Angesicht: "ver­dorrt ist die Freude von den Menschenkindern" (Vers 12). Sie haben nicht einmal die Hilfsquellen, um sich der Früchte der Erde zu erfreuen, eine Segnung, die die Menschen allen andern vorziehen, seitdem Kain vom Angesicht Gottes weggegangen ist; denn da hat Gott alle Zierde, alle Erfrischungen, alle Nahrung des Lebens weggenommen! In diesen Tagen der Trauer, der Be­schämung und des Schmerzes muss jede Hoffnung, in der Gegen­wart des Gottes, den man so oft missachtet hat, gänzlich aufgege­ben werden. Was bleibt dann dem Menschen noch? Nur Eines: die Buße! und daraufhin zielen, wie schon gesagt, alle Wege Gottes mit den Menschen. Wenn, wie wir in Amos lesen, die Gnade und Fürbitte des Christus die einzige Quelle sind, so ist hier die Buße das einzige Mittel für das Volk, um der Gnade teilhaftig zu werden. So lässt Gott Juda und Jerusalem durch den Propheten sagen: "Heiligt ein Fasten, ruft eine Festversamm­lung aus; versammelt die Ältesten, alle Bewohner des Landes zum Haus Jahwes, eures Gottes, und schreit zu Jahwe" (Vers 14). Dies ist die letzte, die einzige Hilfsquelle! Sie sollen Gott anrufen, den sie beleidigt haben! Sie sollen Ihn aus der Tiefe an­rufen! Wer aber kann bestehen, wenn Er die Missetaten ansieht? Und dennoch, kann es vielleicht Vergebung von Seiner Seite geben? Was vor allem nötig ist, das ist "ein Fasten auszurufen". Das Volk muss vor Gott seine Betrübnis über die Sünde zum Aus­druck bringen, denn die Ungerechtigkeit des Menschen zwingt Gott zur äußersten Strenge. Juda, die Völker, die Menschen alle, müssen in aufrichtiger und durchgreifender Buße trauern. Damals allerdings eine schwache, aber einzige Hoffnung! "Wer weiß? Er möchte umkehren und es sich gereuen lassen" (Joel 2, 14).

Noch bevor sie auf diesen dringenden Aufruf Gottes antworten konnten, ist ein neues Unglück hinzugekommen (Verse 1520). Eine sengende Hitze oder vielmehr die Flamme aus derselben zerstört die "Auen der Wüste", die gewöhnlichen Weiden des Groß- und Kleinviehs. Die Wasserläufe sind durch die Wirkung der Dürre versiegt. Die Reserven der Wüste (einige unbewohnte Gebiete Judas, die dem flüchtigen David wohlbekannt waren), das Futter für das Vieh, waren in den Jahren des Überflusses un­erschöpflich für die Herden, nun aber völlig verdorrt und ver­brannt. Die Hungersnot kommt über alle, Menschen und Tiere. Diese äußerste Not bringt den Tag Jahwes ins Gedächtnis: "Ach, über den Tag! denn nahe ist der Tag Jahwes, und er kommt wie eine Verwüstung vom Allmächtigen" (Vers 15). Der Schrecken vor einem allgemeinen und gänzlichen Umsturz bemächtigt sich der Herzen. Unser gegenwärtiges Geschlecht hat dieselbe Vor­ahnung angesichts der heutigen Erschütterungen; ebenso werden die Menschen das gleiche empfinden, lange vor den letzten Ge­richten, zur Zeit, wenn der Herr das sechste Siegel öffnen wird. Dann werden sie sagen: "Der große Tag Seines Zornes ist ge­kommen, und wer vermag zu bestehen?" (Offb. 6, 17). Den­noch werden sie sich irren, denn es ist erst der Anfang der Wehen und noch nicht die Ankunft des Tages. Dieser Ankunft werden wir in Kapitel 2 und 3 unseres Propheten beiwohnen [3] .

Das Fasten ist ausgerufen und der Schrecken des Tages Jahwes wird tief gefühlt, aber noch ist notwendig, wie schon Amos bemerkt, dass ein Botschafter, ein Mittler aus Tausenden auftrete, wie Elihu bei Hiob (Hiob 33, 2324) und sage: "Befreie ihn!" Ein einziger Mann, ein Vorbild von Christus, steht für das Volk vor Jahwe: "Zu Dir, Jahwe, rufe ich!" (Vers 19). Gibt es eine völligere Verurteilung des Menschen? Nachdem der Prophet ge­sagt hatte: "Schreit zu Jahwe!" (Vers 14), antwortet ein Ein­ziger: "Zu Dir, Jahwe, rufe ich!" (Vers 19). Aber dieses genügt Gott: Ein Einziger, ein Gerechter ist inmitten dieses verkehrten Geschlechts, ein Einziger, auf dem Gottes Augen ruhen können, Jesus Christus. Wir finden somit zwei zur Befreiung unentbehrliche Dinge in diesem ersten Kapitel vereinigt: die Buße und die Gnade, die darauf antworten kann, weil sie gänzlich auf Christus be­ruht, auf der Einen vor Gott gerechten Person.


[1] Geschrieben im Jahre 1915.

[2] Nager (Qazam), auch Grille genannt, die junge, ungeflügelte Heu­schrecke. Heuschrecke (Arbeh), das voll entwickelte, geflügelte Insekt. Abfresser (Jeleh), eine andere Heuschreckenart. Vertilger (Chasil) eine dritte Art. Die ersten beiden sind, wie gesagt, nur zwei verschiedene Entwick­lungsstadien derselben Art.

[3] Vergessen wir nicht, dass dieser Schauplatz der Verwüstung, die verdorbene Schöpfung, verschwindet, sobald Israel mit Gott versöhnt sein wird. Dann wird gesagt werden: "Du hast die Erde heimgesucht und ihr Überfluss gewährt, Du bereicherst sie sehr: Gottes Bach ist voll Was­sers ... Deine Spuren triefen von Fett. Es triefen die Auen der Steppe ... die Triften bekleiden sich mit Herden" (Psalm 65, 913).